Bosnien-Herzegowina

Obwohl das Meer eine magnetische Anziehungskraft auf mich ausübt, nahm ich vorerst Abschied von der kroatischen See und mutete der Ente eine Fahrt durch das Biokovo-Gebirge zu. Im ersten Gang beförderte mich der Zwei-Zylinder-Motor auf über 1000 Höhenmeter. Ich war froh, noch vor der Abreise neue Stoßdämpfer eingebaut zu haben. Es war unmöglich, alle Schlaglöcher zu umfahren.

Nach den Schlaglöchern kam der Schlagbaum: die Grenze zu Bosnien-Herzegowina. Jetzt würde ich die Gemeinschaft der EU-Staaten verlassen. Meinen Tagesgruß „dobar dan“ erwiderte der kroatische Grenzpolizist nicht. Wortlos nahm er meinen Personalausweis entgegen und reichte ihn sofort zurück, ohne darauf geschaut zu haben. „Govorite li njemački?“, fragte ich. Ob er deutsch spreche. Er schüttelte den Kopf. „Engleski?“ Ein zaghaftes Nicken deutete er an. Ich erklärte ihm auf englisch, dass ich gerne die Kasten-Ente innerhalb der Grenzanlage vor dem riesigen Schild Bosnien-Herzegowina fotografieren würde. „Do it!“, antwortete er ungeduldig und machte dabei eine Handbewegung, die nichts anderes sagen wollte, als dass ich endlich aufhören sollte, ihn zu stören.

Ich parkte die Acadiane mittig auf der Durchfahrtstraße zwischen den beiden Grenzposten und stieg aus. Kaum hatte ich das erste Foto gemacht, rief eine Stimme von der bosnischen Seite. „No photos, please!“ Sie gehörte zu einem bosnischen Grenzpolizisten. Er winkte mich zu sich heran. Höflich aber sehr bestimmt forderte er mich auf, das Foto zu löschen. Meinen Einwand, ich hätte die ausdrückliche Erlaubnis des kroatischen Beamten erhalten, ließ er nicht gelten. Also beförderte ich das Foto vor seinen Augen in den virtuellen Mülleimer. Gewissenhaft prüfte der Grenzer meine Papiere und verabschiedete mich.

In den Jahren 1996 und 1997 habe ich im Auftrag der UNO in Sarajewo für die dortige Polizeiakademie das Curriculum geschrieben. Ich fragte mich, ob dieser Polizist das Programm durchlaufen hatte. Immerhin hatte er mich anders als der Kroate höflich und korrekt behandelt. Ich setzte mich wieder in die Acadiane und holte das Foto aus dem virtuellen Mülleimer hervor. Schließlich zeigte es nur ein Schild und mein Auto. In Zeiten von US-Spähprogrammen wie Prism schien es mir sehr übertrieben, das Fotografieren an der Grenze zu verbieten.

Unterwegs gab es ein Hinweisschild auf Međugorje, einen Ort zwischen den Bergen (das ist die wörtliche Übersetzung des Ortsnamens). Ich hatte Međugorje bereits 1996 besucht und mich interessierte dessen Entwicklung. 1981 ist dort auf einem Berg die Mutter Gottes zwei Mädchen erschienen. Der damalige Bürgermeister verstand es, die Erzählungen der Mädchen zu vermarkten und machte aus Međugorje einen Wallfahrtsort. Die Mädchen, mittlerweile sind es Frauen in den Vierzigern, leben immer noch in dem Ort und erzählen allen, die es hören wollen, von der Marien-Erscheinung. Ob das ein interessanter Beruf ist? Auf jeden Fall ein lukrativer, denn Međugorje wird jährlich von hunderttausenden Pilgern besucht. Dabei hat die katholische Kirche diese Erscheinung nicht anerkannt und selbst der Ortsbischof distanziert sich von den Erzählungen der beiden Mädchen. Es hatte sich seit meinem letzten Besuche vor 18 Jahren nichts geändert. Reisebusse standen in der Stadt und eine Menschenschlange pilgerte den Berg hinauf, zu der Stelle, an der die Marienerscheinung stattgefunden haben soll.

Ich reiste weiter nach Mostar, der schönsten Stadt Bosniens, wie ich finde. Die vielen Minarette im Stadtbild zeigten mir, dass ich nun aus der katholischen Herzegowina im muslimischen Teil des Landes angekommen war. Unmittelbar vor der Altstadt wies ein Schild auf einem bewachten Parkplatz hin. Nun ja, der Platz war nach bosnischen Maßstäben bewacht. Der Parkwächter schlief in einem Containerhäuschen. Ich weckte ihn. Er versicherte mir, hier würde auf mein Auto aufgepasst. Ich könne ohne Weiteres meine Nacht im Auto verbringen.

Ich parkte dort und ging zu der wiederaufgebauten „Stari Most“. Auf dieser Brücke habe ich bereits vor dem Krieg gestanden. 1993 ist sie zerstört worden, sodass ich in meiner Bosnienzeit nur die provisorische Hängebrücke nutzen konnte. 2005 ist der Wiederaufbau beendet worden. Ich suchte mir einen Platz in einem Lokal und ließ beim Blick auf die unterhalb der Brücke im Fluss Neretva schwimmenden Kinder den Frieden in diesem Land auf mich wirken.

Abends aß ich im Restaurant Hindin Han das typische Gericht des Balkans: Gemischter Fleischteller. Eigentlich nichts besonderes. Allerdings war die Qualität der Fleischauswahl so ausgezeichnet, dass ich behaupten möchte, noch nie so einen hervorragenden „Mixed Grill“ gespeist zu haben.

Übrigens, für Fans der Deutsche Mark ist Bosnien-Herzegowina das richtige Reisland. Dort gibt es die sogenannte „Konvertible Mark“. Ihr Wert wird exakt nach der guten alten Deutschen Mark berechnet. Auch die Preise erinnerten mich an DM-Zeiten.

Als ich gegen Mitternacht den Parkplatz erreichte, stand die Acadiane als einziges Auto auf dem Trümmergrundstück. Ein Parkwächter war weit und breit nicht zu sehen. Ich suchte mir eine Pension in der Stadt.

Am nächsten Morgen ging es zurück zur Küste, diesmal zur bosnischen. Zweimal die gleichen Weg zu fahren, grenzt an Routine. Also wählte ich für die Reise Nebenstraßen durch das Biokovo-Gebirge. Sie führten mich durch kleine Dörfer und auf Straßen, die diesen Namen nicht verdient haben. Viele waren unbefestigt und an den Steilhängen ungesichert. Das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn nicht ein Starkregen eingesetzt hätte, der einige Straßenzüge in wenigen Minuten in Seen verwandelte. Es dauerte Stunden bis ich schließlich die bosnische Küstenregion Naum erreichte, die Kroatien in einen nördlichen und südlichen Landesteil trennt. Der kleine Meeresanteil, den Bosnien nach dem Krieg erhalten hatte, war unspektakulär.

Ich verließ Bosnien Richtung Süden.

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