Georgien

Der georgische Zollbeamte sprach Französisch. Er kontrollierte mich länger als nötig und schaute sich den Innenraum der Acadiane an. Allerdings verhielt er sich so oberflächlich, dass ich seine Fragen eher als eine Gelegenheit für sein persönliches Sprachtraining empfand. Er war dabei sehr freundlich und erzählte mir, dass er Familie in Südfrankreich habe.

Es herrschte Badewetter, als ich die Küstenstraße entlang nach Batum fuhr.

Meine Kfz-Versicherung galt nicht mehr in diesem noch jungen Staat, dessen erster Präsident Schewardnaze gewesen war. Als früherer Außenminister der Sowjetunion waren Eduard Schewardnaze und sein Amtskollege Hans-Dietrich Genscher wesentlich an der Deutschen Einheit beteiligt. Leider haben sie die Versicherungsunion vergessen, fand ich.

In Batum, einer Küstenstadt mit Prachtbauten im Zentrum und viel Armut am Stadtrand, kam ich in einem Hotel in der Innenstadt unter. Die wöchentliche Wäsche von Kleidern und Bettbezügen stand an und wurde von den beiden Damen erledigt, die das Hotel führten.

Ich spazierte durch das Prachtviertel, ging in der Altstadt in ein Café und wurde prompt von einer gut aussehenden Frau mit schlechten Englischkenntnissen angesprochen, die sich als Irina vorstellte. Ob sie sich zu mir setzen könne? Ich nickte, und sie bestellte ein Bier. Es wurde prompt mit einer Schale Erdnüssen an den Tisch gebracht. Nach einigen allgemeinen Fragen, wie es mir in Batum gefalle und warum ich hier sei, erzählte sie mir, dass sie geschieden und alleinerziehend sei. Ihr Sohn sei bei der Großmutter in Tiflis, während sie in der Küstenstadt arbeite, weil hier mehr zu verdienen sei. Ich wollte gerade fragen, welchem Beruf sie nachgehe, als sie mir dezent das Angebot machte, mich in mein Hotel zu begleiten. Sie schob nach: 150 Euro die ganze Nacht, 50 € für einige Stunden.

Damit hatte sich meine Frage erübrigt. Ich habe kein Hotel, log ich. Sie könne uns eins buchen, antwortete sie schlagfertig. Für einen Aufpreis von 30 €. Ich winkte ab. Sie gab mir „für alle Fälle“ ihre Telefonnummer. Als ob die Herausgabe der Handynummer ein verabredetes Zeichen gewesen sei, erschien die Kellnerin und reichte mir die Rechnung: 15 €. Das wäre der Preis für meinen Kaffee, das Bier und die Erdnüsse. Wieder winkte ich ab und legte georgische Geldscheine im Wert von 5 € auf den Tisch. Die Kellnerin bestand auf Bezahlung des vollen Betrags. Wir könnten ja zur Klärung des Sachverhalts die Polizei rufen, schlug ich vor. Sie nahm das Geld und verschwand. Irina entschuldigte sich und tippte auf den Zettel mit ihrer Telefonnummer. Ich könne sie jederzeit anrufen.

Als ich aus dem Café auf die Straße trat, war es bereits dunkel. Ich spazierte aus der Altstadt in die Vorstadt. Dort waren die Straßen nicht asphaltiert. Regenpfützen schimmerten im Licht der Straßenbeleuchtung. Kinder spielten in den Straßen und betrachteten mich argwöhnisch. Der Putz der Häuser war in Teilen abgebröckelt, die Dächer notdürftig mit einer Plastikfolie „repariert“.

Am nächsten Morgen besuchte ich das batumische Versicherungsbüro von Irina Asatiani. Dieser Vorname muss in Georgien sehr beliebt sein. Die sympathische Kauffrau bot mir einen Vertrag an, dessen Deckungssumme so gering war, dass ich das Risiko im Falle eines Unfalls nicht auf mich nehmen wollte.

Ich kehrte noch am gleichen Tag in die Türkei zurück. Von dort aus wollte ich durch das anatolische Hochgebirge nach Armenien einreisen.

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