Begegnungen in der Türkei

Wenn ich auf Reisen bin, dann lerne ich sehr viele Menschen kennen. Ich kann leider nicht alle Kontakte aufführen. Diese Beispiele zeigen einen nicht repräsentativen Querschnitt meiner Begegnungen in der Türkei.

Ferhat Güller aus Istanbul war mein „Lehrer“ für die türkische Sprache und Kultur. Drei Abende verbrachte ich mit ihm. Er hat nicht nur dafür gesorgt, dass ich ausgezeichnetes landestypisches Essen bekam, sondern sich auch die Zeit genommen, mir die wichtigsten Vokabeln der türkischen Sprache beizubringen. Diesen Grundwortschatz habe ich im Laufe meiner Reise ausgebaut und noch oft an Ferhat gedacht.

Das hätte ich mir in Deutschland so nicht vorstellen können: Necmettin Cenges überholte mich mit seinem Renault auf der Autobahn, brüllte mir etwas über die geöffneten Autofenster zu, was ich nicht verstehen konnte, und gab mir Zeichen anzuhalten.

Ich tat wie geheißen. Wir kamen auf dem Standstreifen ins Plaudern, denn der Lehrer für Französisch und jetzige Schuldirektor von Düzce hatte vor vielen Jahren in Frankreich gelebt. Nach einiger Zeit verlegten wir unser Gespräch in ein Straßenrestaurant, wo wir Tee tranken. Necmettin half mir später bei Problemen mit der privaten Autobahngesellschaft.

 

Das philosophischste Gespräch führte ich mit Cihat Atmaca. Nach einigen Begrüßungsworten kam es zu einem herzlichen Dialog.

Cihat: Mit Verlaub, das Auto, mit dem Sie fahren, ist doch lächerlich. Wir Türken mögen große BMW, Mercedes oder Audi. Warum machen Sie diese lange Reise mit einer solchen Karre?
Ich: Weil ich es einfach mag.

Cihat schluckte erst einmal, überlegte und besorgte uns einen Tee. Danach erklärte mir der Zwanzigjährige, dass er sich zum Ziel gesetzt habe, reich zu werden. Nicht für sich, sondern für die anderen.

So saßen wir lange in einer Gaststätte und ereiferten uns über Reichtum und Armut, Luxus und Bescheidenheit. Viele Nachrichten per Internet folgten. Ich hoffe, dass Cihat an mich und das lächerliche Auto denken wird, wenn er sein Lebensziel erreicht hat.

Ich suchte eine Post und sprach diesen jungen Mann an. Der Soziologie-Lehrer führte mich zum Postamt, stellte mir dort seinen Nachbarn vor, lud mich zum Tee ein, bei dem plötzlich seine Freunde anwesend waren. Meine Weiterfahrt verschob sich um Stunden. Als ich mich schließlich aufraffte weiterzureisen, fragte er mich, ob ich seinen Freund Sedat nach Samsun mitnehmen könnte.

Sedat Karacoban ist ein richtiger Kumpel. Auf dem Weg nach Samsun hielten wir auf dem Schotter neben der Standspur der Autobahn, kletterten über die Leitplanken und liefen über die sechsspurige Autobahn zu einem Restaurant. Dort bestellte Sedat das für die Region typische Gericht Menemem (siehe auch hier)

Wir  hörten während der Fahrt unsere Lieblingssongs und sangen kräftig mit.

 

Sie waren die einzigen Ausländer, die ich im nördlichen Anatolien getroffen habe. Das Ehepaar “weckte” mich, als ich mit der Ente ostwärts rollte. Marie und Laurent Verges reisten mit einem geländegängigen Wohnmobil  in den Iran. Allerdings haben die beiden andere Reisegewohnheiten. Ich nehme mir die Zeit für die Menschen auf dem Weg, während für sie das Betrachten der Landschaft auf Reisen das Wichtigste ist.

Hopa muss man nicht unbedingt gesehen haben. Dennoch leben in dieser Stadt am Schwarzen Meer so sympathische junge Männer wie Yunus Emre ÇeLik. Er gab sich reichlich Mühe, mit mir Englisch zu reden. Wenn Yunus nicht gewesen wäre, dann wäre manch eine meiner Mahlzeiten nicht so üppig und gut ausgefallen.

Einen Schlafplatz mit Video-Überwachung verschaffte mir Ali Bekir (links) in Hopa. Ich war mir zu Beginn nicht sicher, ob die Kamera bei einem so öffentlichkeitsscheuen Menschen wie mir zu einem ruhigen Schlaf beitragen würde. 😉 Dennoch hatte ich eine gute Nacht. Als ich einen Tag später nochmals durch den Ort kam, wuschen Alis Freunde die Acadiane und schenkten mir eine türkische Flagge.

Mitten im Niemandsland: Zwei Obst- und Gemüseverkäufer. Eine willkommene Abwechslung nach stundenlanger Fahrt in der Einsamkeit. Sezgin Köse lud mich zum Tee ein, obwohl ich auf dem Nachbarstand mein Obst und Gemüse eingekauft habe. Völlig uneigennützig. Das ist echte Gastfreundschaft.

Da soll jemand mal sagen, dass Anatolier nicht geschäftstüchtig seien. Volkan Arifoglu ist es definitiv. Der junge Mann führt eine Tankstelle, kümmert sich um das Personal und hilft den Menschen in seiner Stadt mit Geld aus, wenn sie in Not sind. Er lud mich zum Teetrinken und Abendessen mit seinem Vater ein. Gut, dass er mir den Vorschlag gemacht hatte, nicht in der Kälte in der Ente zu schlafen. Alternativ bot er mir die Couch im Tankstellenhäuschen an. Am nächsten Morgen war ich dankbar für diesen Vorschlag. Die Temperaturen waren auf drei Grad gesunken.

 

Ich habe einige Menschen im wilden Kurdistan kennengelernt. Atilla Karahan und seine Familie waren mir die Liebsten. Sie führen ein gutes Restaurant in Dogubeyazit. Kein Wunder, dass wir uns häufiger trafen. Atilla erzählte sehr offen über seine Situation als Kurde in der Türkei. Er fühle immer noch Rassismus, wenn er sich unter Türken als Kurde zu erkennen gebe. Oft habe er daran gedacht, seine kurdischen Brüder in Syrien beim Kampf gegen die IS zu unterstützen. Wenn da nicht die Angst um sein Leben wäre … Deshalb bleibe er mit schlechtem Gewissen im Restaurant.

Er hatte viele Fragen an mich: Was ich von der Ehe halte? Ob Familie etwas Gutes sei? Warum ich Vater werden wollte?
Atilla sucht noch seinen Weg in dieser Welt. Ich bin sicher: Er wird ihn finden.

Meine letzte Begegnung in der Türkei: Ein Polizist in ziviler Kleidung an der iranischen Grenze. So richtig hatte er mir nicht verraten, warum er mich in sein Büro führen ließ. Ich vermutete, dass er als Polizist eine eher politisch orientierte Aufgabe hatte. Ein bärtiger Enten-Fahrer, der in den Iran einreisen wollte, schien genauer unter die Lupe genommen werden zu müssen. Dass der Polizist diesem Selfie zugestimmt hatte, zeigte, dass er nicht verdeckt ermittelte.

Vielen Dank, dass ich euch alle kennenlernen durfte. Ihr und viele Andere seid mir mit einer Herzlichkeit begegnet, die beispielhaft für das türkische und kurdische Volk ist.

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